Studieren gegen Rechts: Weiterbildungsmaster „Beratung im Kontext Rechtsextremismus“ an der Uni Marburg
Was war der Ausgangspunkt für die Entwicklung des Masterstudiengangs „Beratung im Kontext Rechtsextremismus“ – und welche Lücke in Wissenschaft und Praxis sollte damit geschlossen werden?
Die Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus ist ein noch junges Berufsfeld, das zuletzt eine stetige Aufwertung erfahren hat – ein Zeichen für die wachsende gesellschaftliche Bedeutung dieser Arbeit. Allerdings fehlt es bislang an einer umfassenden akademischen Aus- oder Weiterbildung. Neben dem Bundesverband Mobile Beratung hat vor allem das Demokratiezentrum Hessen kontinuierlich fachgerechte Qualifizierungsangebote vorangetrieben.
Der bisher deutschlandweit einmalige Studiengang macht es nun möglich, das Handlungswissen aus der Praxis curricular zu verankern. Eine universitäre Weiterbildung stellt einen qualitativen Entwicklungsschritt dar – sowohl für das Berufsfeld selbst als auch für angrenzende Professionsfelder. Die fachliche Expertise des Demokratiezentrums Hessen und die institutionelle Anbindung an die Philipps-Universität Marburg schufen die Voraussetzungen für die Entwicklung des Masterstudiengangs „Beratung im Kontext Rechtsextremismus", der seit dem Wintersemester 2022/23 angeboten wird. Die hohe Nachfrage nach Studienplätzen verdeutlicht den großen Bedarf an spezifischer akademischer Qualifizierung in diesem Bereich.
Worin liegt aus Ihrer Sicht das besondere Profil des Studiengangs, insbesondere im Zusammenspiel von universitärer Forschung und praktischer Beratungsarbeit?
Der Studiengang ist berufsbegleitend konzipiert, sodass alle Studierenden einschlägige Praxiserfahrung mitbringen. Die theoretisch-fachlichen Inhalte werden daher je nach Themenbereich vor dem Hintergrund der unterschiedlichen Berufsfelder reflektiert. Insbesondere im zweiten und dritten Semester liegt der Schwerpunkt auf anwendungsorientierten Methoden.
Eine weitere Besonderheit ist die Auswahl der Dozentinnen: Sie kommen sowohl aus der Wissenschaft als auch aus der Praxis und sind ausgewiesene Expertinnen auf ihren jeweiligen Gebieten. Diese Bandbreite an Expertise ermöglicht es den Studierenden, ihre wissenschaftlichen Arbeiten zu sehr spezifischen Fragestellungen zu verfassen.
Darüber hinaus werden die Studierenden darin unterstützt, ihre Abschlussarbeiten mit konkreten Fragestellungen aus dem eigenen Arbeitskontext zu verknüpfen. So trägt auch die wissenschaftliche Arbeit im Studium zur Weiterentwicklung des Berufsfeld der Beratung im Kontext Rechtsextremismus bei.
An wen richtet sich der Studiengang konkret, und welche fachlichen Hintergründe und Erfahrungen bringen die Studierenden typischerweise mit?
Der Studiengang wurde ursprünglich für die Beratung im Kontext Rechtsextremismus entwickelt und qualifiziert für dieses Handlungsfeld. Wir erreichen jedoch weitaus mehr Menschen mit dem Studienangebot. So kommen die Studierenden aus unterschiedlichen Bereichen etwa der politischen Bildung, der Schulsozialarbeit, der Kommunalverwaltung oder der Hochschuldidaktik. Sie arbeiten in der Betroffenenberatung oder aber in der Ausstiegsberatung, sind für Vereine tätig oder aber in Justizbehörden. Was sie eint: Sie erleben tagtäglich, was demokratiegefährdende Haltungen in unserer Gesellschaft auslösen – und möchten professionell handeln. Die Heterogenität der Studierenden ermöglicht auch ein Lernen voneinander, da die unterschiedlichen Berufserfahrungen auch in der Lehre reflektiert und miteinander diskutiert werden.
Welche zentralen Themen und Kompetenzen stehen im Studium im Fokus – und was nehmen die Teilnehmenden für ihre berufliche Praxis besonders mit?
Es geht zentral um die Vermittlung wissenschaftlich-theoretischen Fachwissens zu Rechtsextremismus und Demokratietheorien. Die Studierenden erweitern außerdem ihr praktisches Handlungswissen durch das Erlernen und Vertiefen relevanter Analyse- und Beratungsmethoden. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf der Systemischen Beratung. Sozialraumanalyse, Netzwerkanalyse, Recherche und Monitoring sind neben Elementen der politischen Bildung weitere Aspekte des Studiums. Darüber hinaus sind die Studierenden angehalten, ihre eigene Haltung zu reflektieren und sich mit Fragen der Ethik und des eigenen Menschenbildes auseinanderzusetzen.
Die Studierenden nehmen Wissen, Kompetenz und Sicherheit in ihrer jeweiligen Arbeit mit. Sie erweitern darüber hinaus auch ihr professionelles Netzwerk. Und mit dem Masterabschluss in Erziehungswissenschaften steht ihnen grundsätzlich auch die Option einer Promotion offen.
Welche Wirkung soll der Studiengang langfristig entfalten – sowohl für die einzelnen Absolvent:innen als auch für die Arbeit gegen Rechtsextremismus und für die Stärkung demokratischer Strukturen?
Der Studiengang ermöglicht das Fach- und Erfahrungswissen aus der Praxis der Mobilen Beratung in Form eines Curriculums zu verstetigen und damit das Berufsfeld qualitativ weiterzuentwickeln. Die Studierenden reflektieren ihre eigene Haltung sowie ethische Fragen im Handlungsfeld. Sie sollen befähigt werden, ihr theoretisches Fach- und praktisches Handlungswissen professionell im Kontext ihrer beraterischen Praxis zu reflektieren und anzuwenden. Die Evaluation der ersten Absolvent*innen ergab, dass diese handlungssicher und souveräner mit Herausforderungen in der Praxis umgehen. Sie sind außerdem deutlich sicherer in der Begründung ihrer Konzepte und Handlungsweisen. Fachlich fundiertes Wissen und eine reflektierte Haltung haben letztlich auch eine Wirkkraft in die jeweiligen Institutionen hinein – und können Anstöße geben etwa zu einer menschenrechtsorientierten Organisationsentwicklung oder zu mehr Rassismussensibilität innerhalb eines Kollegiums.
Was sagen Teilnehmende oder Absolvent:innen selbst – gab es ein Aha-Erlebnis oder einen Moment im Studium, der besonders prägend war?
Hier ein Zitat eines Studierenden: „Das Studium ist für mich quasi eine Legitimation, mich intensiv und theoretisch fundiert mit Fragen zu beschäftigen, für die sonst im Arbeitsalltag keine Zeit bleiben. Das wertet meine Arbeit auf und hat auch für den Projektträger einen Mehrwert.“
Darüber hinaus berichten alle Studierenden von einem wertschätzenden Umgang zwischen Lehrenden und Studierenden. Das Erfahrungswissen, das die Studierenden in die Diskussionen einbringen, wird von den Lehrenden anerkannt und aktiv integriert. Die heterogenen Berufserfahrungen werden dabei auch didaktisch nutzbar gemacht – ein Aspekt, der diesen Studiengang besonders auszeichnet.
Die Studierenden kommen aus ganz Deutschland und treffen sich zu Blockveranstaltungen in Marburg. Dies ermöglicht ihnen, sich für einige Tage am Stück konzentriert auf das Studium zu fokussieren – jenseits von Beruf und Familie. Marburg als klassische Universitätsstadt bietet zudem das ideale Umfeld, um ganz ins Studieren einzutauchen.
Wer reinhören will, der findet in der Podcast-Reihe „Extreme Zeiten“ des LDZ Hessen eine Folge zum Studiengang, aber auch weitere Folgen, in denen das Berufsfeld vorgestellt wird, u.a. von Absolvent*innen des Studiengangs.
Das Interview führten Tina Dürr und Verena Hoppe.
