Unter dem Titel „Die angespannte Mitte“ hat die Forschungsgruppe um Prof. Dr. Andreas Zick vom Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung (IKG) der Universität Bielefeld die neue Mitte-Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung vorgestellt. Die Untersuchung analysiert rechtsextreme, menschenfeindliche und demokratiegefährdende Einstellungen in Deutschland. Grundlage ist eine repräsentative Umfrage unter 2.001 Personen, durchgeführt im Sommer 2025. Die Mitte-Studie 2024/25 zeigt: Rechtsextreme Ideologien sind in Deutschland nicht dominant, ihre Elemente und Anschlussfähigkeiten in die gesellschaftliche Mitte bleiben jedoch virulent. Sinkendes Vertrauen in Politik und wachsende soziale Ungleichheit verstärken demokratiegefährdende Haltungen. Bildung, Solidarität und eine aktive Zivilgesellschaft gelten laut Studie als wichtigste Gegenmittel.
Weniger klare Rechtsextreme – aber anhaltende Offenheit für antidemokratische Einstellungen
Demnach teilen 3,3 Prozent der Befragten ein klar rechtsextremes Weltbild – deutlich weniger als noch 2022/23 (8 %). Drei Viertel der Bevölkerung lehnen rechtsextreme Positionen grundsätzlich ab. Gleichzeitig zeigt sich bei rund 20 Prozent eine ambivalente Haltung gegenüber entsprechenden Aussagen, was eine fortbestehende Offenheit für antidemokratische Orientierungen belegt. Zustimmung finden weiterhin nationalchauvinistische und autoritäre Aussagen: 23 Prozent sind der Meinung, Deutschland solle wieder zu alter „Macht und Geltung“ gelangen, 15 Prozent befürworten einen autoritär regierenden „Führer“. 70 Prozent empfinden Rechtsextremismus als Bedrohung für das Land. Zugleich verharmlosen 22 Prozent das Problem oder lehnen eine Auseinandersetzung damit ab. Diese Gruppe zeigt überdurchschnittlich häufig rechtsextreme Einstellungen und ist eher bereit, politische Gewalt zu billigen. Ein harter Kern von 7,5 Prozent rechtfertigt körperliche Gewalt gegen „Fremde“.
Jüngere Befragte (18–34 Jahre) zeigen etwas häufiger rechtsextreme Einstellungen (7 %), während Nationalchauvinismus mit dem Alter zunimmt. Männer äußern häufiger rechtsextreme und gewaltbilligende Ansichten als Frauen. Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland bestehen fort, sind aber weniger deutlich als in früheren Jahren.
Demokratieakzeptanz hoch, Vertrauen sinkt
79 Prozent bezeichnen sich als überzeugte Demokratinnen und Demokraten – sechs Prozentpunkte mehr als 2021. Dennoch nimmt die Skepsis gegenüber dem Funktionieren der Demokratie zu: Nur noch 52 Prozent halten sie für im Großen und Ganzen funktionsfähig, während 24 Prozent das Gegenteil meinen – der höchste Wert seit 2016. Auch die wahrgenommene gesellschaftliche Gerechtigkeit sinkt auf 37 Prozent. Mehr als die Hälfte (62 %) glaubt, „die regierenden Parteien betrügen das Volk“, und 54 Prozent fordern „mehr Widerstand gegen die aktuelle Politik“. Gleichzeitig bekennt sich eine Mehrheit von 88 Prozent zum demokratischen Grundsatz der Gleichheit – doch ein Drittel schränkt diesen im „nationalen Interesse“ ein.
Menschenfeindliche Einstellungen bleiben verbreitet
Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit ist weiterhin in der gesellschaftlichen Mitte verankert. Rund ein Drittel unterstellt Geflüchteten Sozialmissbrauch, 19 Prozent äußern abwertende Haltungen gegenüber Trans*-Personen, elf Prozent vertreten traditionelle Frauenbilder. Auch antisemitische Aussagen finden bei einem Teil der Befragten Zustimmung oder teilweise Zustimmung. Besonders verbreitet bleiben negative Zuschreibungen gegenüber Langzeitarbeitslosen (36 % Zustimmung).
Ein Viertel der Befragten vertritt eine libertär-autoritäre Ideologie, die Leistungsdenken und Autoritarismus verbindet. In dieser Gruppe ist die Zustimmung zu rechtsextremen und gewaltbilligenden Positionen überdurchschnittlich hoch. Nützlichkeits- und Leistungslogiken wirken laut Studie als Brücke zwischen marktradikalen, antidemokratischen und menschenfeindlichen Überzeugungen.
Einfluss von Erziehung und Bildung
Autoritäre Erziehungsstile fördern laut Befunden rechtsextreme und gewaltbilligende Orientierungen. 40 Prozent der Befragten befürworten, dass Schulen „Disziplin und Gehorsam“ stärker vermitteln sollen. Bildung wirkt dagegen als Schutzfaktor: Höhere Schulabschlüsse gehen mit geringerer Zustimmung zu antidemokratischen Einstellungen einher.
61 Prozent sehen Bildung als zentrales Mittel gegen Rechtsextremismus, 51 Prozent wären bereit, sich selbst aktiv für den Schutz der Demokratie zu engagieren. Die Forschenden empfehlen daher, politische Bildung und Sozialstaat zu stärken und Räume für zivilgesellschaftliches Engagement auszubauen.
Klimaschutz verliert Rückhalt
Nur noch 56 Prozent sehen im Klimawandel eine große Bedrohung – deutlich weniger als in früheren Erhebungen. Der Anteil klimapolitisch progressiver Menschen sinkt auf 51 Prozent, während Indifferenz und Ablehnung zunehmen. Regressive Klimahaltungen korrelieren mit größerer Demokratiedistanz.
Herausgeberin der Studie ist die Friedrich-Ebert-Stiftung. Das begleitende Buch erscheint im Dietz-Verlag Bonn.